Ein nordfriesischer Revoluzzer
Aus dem Buch: Nordfriesland – Trescher Verlag
Der Ibbenshof in Wobbenbüll war Harro Harrings Geburtshaus. 1789 erblickte er hier das Licht der Welt als jüngster Sohn von Eltern, die landwirtschaftlich tätig waren. Zwar wurde sein Vater später noch Deichgraf, eine immer schon verantwortungsvolle Aufgabe, bei der viel Wissen und Einfluss nötig waren. Leider verstarb er so früh, dass Harrring relativ bald auf sich gestellt war und nicht den beruflichen Weg in die Landwirtschaft einschlug, sondern im nahen Husum eine Ausbildung als Schreiber absolvierte.
Er hielt die Lehrzeit tapfer durch, ging kurz nach seinem Abschluss aber nach Kopenhagen an die Kunstakademie und studierte Malerei. Im dänischen Großstadtleben freundete er sich mit dem norwegischen Landschaftsmaler Johan Christian Dahl an, knüpfte nebenbei aber auch Kontakte zu unterschiedlichen deutschen Burschenschaften, wo es ihm besonders der radikale Flügel angetan hatte. Nach dem Wechsel auf die Kunstakademie in Dresden, wo er weiter Malerei studierte, wurden seine politischen Gedanken durch die Burschenschaft Concordia bestärkt und er war ab den 1820er Jahren für unterschiedliche Freiheitskämpfe weltweit unterwegs.
Den Anfang machte er in Griechenland, wo er mit dem Schiff vom französischen Marseille aus anreiste und hoch motiviert war. Seiner Meinung nach kämpften die Griechen aber nicht offensiv genug gegen die Türken, so dass er sein Vorhaben bald abbrach und wieder in seinen Beruf als Maler und Dichter zurückkehrte. Erst ab 1830 nahm sein Leben als Revolutionär erneut Fahrt auf, als er am Freiheitskampf Polens gegen Russland teilnahm und darüber auch einen Bericht verfasste, der in Deutschland auf großen Zuspruch stieß. Das bekam auch der russische Geheimdienst mit, der Harring verfolgte, was dazu führte, dass er die Widerstandsbewegung in Polen verließ. Danach folgten Aufenthalte in Frankreich, Brasilien und auch New York.
1848 kehrte er nach dem Ausbruch der Märzrevolution nach Deutschland zurück und sprach am 23. Juli desselben Jahres auf dem Bredstedter Marktplatz, wo er voller Enthusiasmus und Entschlossenheit seine Landsleute davon überzeugen wollte, einen nordfriesischen Freistaat auszurufen. Auch dieses Vorhaben scheiterte, vor allem weil seine heimischen Landsleute deutschnational und schleswig-holsteinisch gesinnt waren.
Harro Harring ging ein Jahr später wieder auf Reisen nach Norwegen, England und erneut nach Brasilien und in die USA, bevor er sich auf der Kanalinsel Jersey niederließ. Im Alter wurde er verwirrt, war mehrfach krank und litt an ausgeprägte, Verfolgungswahn. Der Weg zurück nach Deutschland blieb ihm verschlossen, obwohl sich kein geringerer als sein Dichterkollege Theodor Storm für ihn einsetzte. Harring war an seinem Lebensende verarmt und vergessen und setzte seinem Dasein 1870 mit 71 Jahren selbst ein Ende.
Er trat mit voller Überzeugung für die demokratische Bewegung ein und ist heute mit seinem Einsatz ein vergessener Held. Auch ein bisschen in Wobbenbüll, wo zwar eine Straße nach ihm benannt wurde, ansonsten aber nicht davon zeugt, dass Harro Harring hier seine nordfriesische Heimat hatte.
So schrieb Harring unter anderem:
Der Bundestag
In Frankfurt, da sitzt der deutsche Bund
Und macht Verbote auf Verbote kund!
Das wird dem deutschen Bund recht schwer –
Denn er findet gar wenig zu verbieten mehr.
Drum stöbert er emsig in jedem Mist,
Wenn nur irgend was drin zu verbieten ist.
Und nächstens wird er mächtig schrei’n:
Es darf in den Straßen kein Pflaster sein!
Denn so lang’ das Volk auf’m Pflaster geht;
Eine Waff’ ihm noch zu Gebote steht.
Ein gefährlich’ Ding; – so’n Pflasterstein!
Drum muß das Pflaster verboten sein!
Der Bundestag fürchtet sich sehr vor’m Tod,
Drum arbeitet er – an dem Pflaster-Verbot.



